Nr. 7 Oktober/November 2005
Alternativmedizin: Schamanismus IM EINKLANG.
Für die Indianer Nordamerikas stand die Harmonie schon immer im Mittelpunkt des Lebens. Sie ist für sie die Quelle des Wohlbefidens, der Hort der Gesundheit. Lebt ein Mensch nicht mehr in Einklang mit seiner natürlichen oder sozialen Umwelt, dann stört er die Harmonie und er wird krank.
Demnach sind nach indianischer Auffassung die Verursacher eines körperlichen Leidens nicht Viren oder Bakterien, sondern irgendeine Missetat in der Vergangenheit, die der Betroffene begangen hat und die nun seine innere Harmonie beziehungsweise sein seelisches Gleichgewicht empfindlich stört. Das Resultat ist je nach Schwere des Vergehens eine leichtere oder eine ernstere Erkrankung.
Folglich geht es beim Heilverfahren in erster Linie um die erneute Herstellung der verlorenen inneren Balance. Indianische Medizin ist demnach mehr als die Behandlung von Krankheiten. Sie stiftet Identität durch Rituale, schafft Zusammenhalt durch Gemeinschaftserlebnisse und sie befriedigt seelische und emotionale Bedürfnisse durch ihre Spiritualität.
Indianische Medizin ist aber auch Kräuterheilkunde und Philosophie. Die Fachkundigen sind keine Ärzte in westlichem Sinne, sondern häufig Menschen, die so genannte Nah-Tod-Erlebnisse hatten, zum Beispiel nach einer erlittenen Krankheit.
Sowie die westliche Medizin kennt auch die indianische Heilkunst Spezialisierungen. Sie unterscheidet zwischen Schamanen und Kräuterspezialisten, den Mash-ki-kike-winini. Erstere können zwar auch weiblichen Geschlechts sein, sind jedoch vorwiegend Männer. Sie sind zuständig für Leiden, die als Folge von falschen Verhalten gegenüber Menschen, Tieren und der Umwelt entstanden sind. Dazu gehört unter anderem Mord oder, was in diesen Kulturkreisen fast noch verwerflicher ist, Tierquälerei wie auch das wahllose Töten dieser Geschöpfe, ohne ihr Fleisch wirklich zu brauchen. Die leichteren Fälle, wie Beispielsweise Verletzungen aller Art, übernehmen Fachkundige in Kräuterheilkunde. Anders als bei den Schamanen, üben diese Tätigkeit in erster Linie Frauen aus.
Die Schamanen
Schamanen leben meist in traditionellen Gemeinschaften, die eine enge Beziehung zur Natur pflegen. Mit Hilfe von Tanz rhythmischer Musik, vor allem Trommeln, oder Drogen versetzten sie sich in Trance. In diesem Bewusstseinszustand versuchen sie Erkenntnisse über den Gesundheitszustand ihres Patienten zu gewinnen oder böse Geister zu bannen.
Der Schamanismus ist keine Religion, sondern eine magisch-ekstatische Praxis, die in vielen Teilen der Erde vorkommt. Seine Wurzelnreichen bis in die Jungsteinzeit zurück.
Die Behandlungsmethoden und die Ausrüstung des Schamanen variieren von Stamm zu Stamm. Zum medizinischen „Handgepäck“ gehören meistens Trommel, Rassel, Schalen und Mörser sowie kleine Holzfetische, Adlerfedern, Bergkristalle, Pfeilspitzen und ein Steinbeil. Das wichtigste medizinische Amulett aber ist der Lederbeutel. Er besteht aus der Haut eines heiligen Tieres und enthält zum Beispiel Hirschschwänze oder den Magenstein eines Büffels. Diesem Bündel werden starke magische Kräfte zugeschrieben.
Seit Urzeiten geht es vom Vater auf den Sohn oder den neu initierten Schamanen über.
Zu den schamanischen „Therapeutischen Massnahmen“ zählen unter anderem Diätvorschriften, Handauflegen, Verabreichung von Heilmitteln (Kräuter, Steine, Amulette, Fetische usw.), kollektive Heilrituale, Massagen, begleitete Trancereisen, Weissagungen und Zaubersprüche.
Uralt und immer noch gebräuchlich ist das indianische Schwitzhütten-Ritual. Die Schwitzhütte, eine Art Sauna, wird kurz vor Wintereinbruch zur Reinigung von Körper und Geist gebaut. In ihrem Inneren befinden sich glühende Steine, die von Zeit zu Zeit mit Heilkräuterauszügen begossen werden. Aromatische Dampf durchdringt die Hütte, in der drei bis vier Stammesgenossen liegen. Im Dunkeln sind sie den Göttern nahe und kehren symbolisch in den Schoss der Mutter Erde zurück.
Solche Rituale und Zeremonien sollen die gestörte Harmonie wieder herstellen. Dabei sind Schamanen die Mittler zwischen Jenseits und der irdischen Wirklichkeit. Sie sprechen mit den Göttern und versöhnen die Geister.
Derartige Therapien mögen zwar eher nach Aberglauben als nach wissenschaftlichen Erkenntnissen klingen, doch die Ergebnisse sind überraschend positiv. Nichtsdestotrotz wurden die Schamanen von Anfang an von den Weissen als Scharlatane geächtet, ihre Riten verdammt und ihre Fetische samt den „gottlosen“ Amuletten vernichtet.
Im 19. Jahrhundert war in zahlreichen US-Bundesstaaten die Ausübung indianischer Heilrituale per Gesetz verboten. Erst in den Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Verdikt aufgehoben.
Heute versuchen westliche Ärzte, darunter auch renommierte Hochschulprofessoren, dem Geheimnis des Schamanismus’ auf die Schliche zu kommen. Vorerst ist man sich lediglich darüber einig, die Trance schärfe die Fähigkeit des Schamanen, sein Gegenüber mit dem gesamten Repertoire von Gefühl und Verstand wahrzunehmen. Allein diese intensive Zuwendung habe oft heilsame Wirkung.
Ausserdem haben die zweifelsohne positiven Ergebnisse dieser Naturheiler nichts mit übersinnlichen Kräften zu tun. Viel mehr erkenne man in ihren Techniken Grundelemente der modernen Hypno-, Musik- oder Konfrontationstherapie, die vor allem bei Menschen mit Depressionen und Angststörungen Erfolg versprechen. Insofern könnte Schamanismus als eine Art Urform der Psychotherapie aufgefasst werden. Nicht zuletzt verfügen Schamanen auch über ein immenses Wissen über Heilpflanzen. Diese Domäne teilen sie jedoch mit den Kräuterfrauen.
Die Kräuterfrauen und ihre grünen Schwestern
Die Mashiki-kike-winini, bei uns besser bekannt als Kräuterfrauen, haben, wie auch die Schamanen, grosse Ehrfurcht vor der Natur, somit auch vor jeder noch so unscheinbaren Pflanze. Niemals würde es ihnen einfallen, eine Blume grundlos zu pflücken, um sie dann im nächsten Augenblick gelangweilt wegzuwerfen. Im Gegenteil. Bevor sie irgendein Gewächs für bestimmte Zwecke abreissen, bitten sie dieses und die zuständigen Geister um Verständnis für ihre Tat. Die Bäume, Sträucher und Kräuter scheinen es ihnen zu danken und lassen sie teilhaben an ihren wohltuenden Kräften.
Die Kenntnisse der Kräuterfrauen über deren Wirksamkeit gegen die unterschiedlichsten Leiden sind tatsächlich beeindruckend. Sie gehen zurück auf altes intuitives und magisches Wissen, verbunden mit Beobachtungen und Erfahrung. Streng empirische Methoden und analytische Forschung waren ihnen schon immer fremd. Umso erstaunlicher ist es, dass ihre verwendeten Heilmittel in ihrer Wirksamkeit jenen der westlichen Erfahrungsmedizin in nichts nachstehen und diese Wirksamkeit von der modernen pharmakologischen Forschung bestätigt wurde. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Gewinnung der Salizsäure, dem wichtigen Rohstoff für Aspirin, aus Weidenholz. Lange vor der westlichen Welt benutzten Indianer gekochte Weidenrinde und – Wurzeln gegen Kopfschmerzen um das Fieber zu senken,
Die Rauwolfiawurzel (Schlangenwurzel), von den amerikanischen Nativen zur Beruhigung gekaut, enthält das Anfang der Fünfzigerjahre entdeckte Reserpin, eine nervenberuhigende Substanz, die in der Psychiatrie bis heute eingesetzt wird.
Lange vor der Entdeckung der Antibiotika rückten die von uns oft herablassend als primitiv bezeichneten Völker eiternden Wundinfektionen mit Schimmelpilzen zu Leibe, indem sie bestimmte Schimmelpilzkulturen von Baumstämmen abkratzten und au die betroffenen Stellen strichen.
Skorbut, eine „klassische“ C-Vitamin-Mangelkrankheit, bekämpften sie erfolgreich mit dem vitaminreichen Saft der Feigenkakteen. Als „Medizin für alle Fälle“ diente die Schafgarbe (Achillea millefolium). Der Tee von der Pflanze wurde gegen viele Beschwerden verwendet. Und zwar von einer harmlosen Erkältung bis hin zu Fieber, Verstopfung und Hämorrhoiden.
Der Rote Sonnenhut (Exchinacea angustifolia), heute in ganz Europa von der Pharmaindustrie angebaut, ist ebenfalls ein altes indianisches Heilmittel. Bei leichteren Verletzungen wurde das Wurzelpulver auf die Wunde gestreut oder es wurden die grünen Blätter als Wundpflaster verwendet. Die Dakota (ein Indianerstamm) tranken Echinacea-Sud bei Vergiftungserscheinungen.
Neben diesen zweifelsohne erfolgreichen therapeutischen Mitteln ist die Heilkunst der amerikanischen Nativen betont vorbeugend. Viele Heilpflanzen werden regelmässig als Gemüse gegessen. Oft sind die Kräuter, aber auch das Gemüse, wie zum Beispiel Mais oder Kürbis, Medizin und Nahrung zugleich. Heilkräftige Tees aus Blättern, Wurzeln und Rinden sind häufiger Bestandteil indianischer Kost.
Diplom Biologin Olga Chudovska 
Kommentar zum Artikel der Schweizer Hausapotheke: Annelise KälinDer Artikel bezieht sich vor allem auf Heilverfahren mit Pflanzen. Tatsächlich hat der Schamanismus weit mehr, über die Möglichkeiten medizinischer sowie psychotherapeutischer Massnahmen, zu bieten. Das Schwitzhüttenritual wird auch zur Sinnsuche des Lebens zellebriert. 
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